Trauerritual im Advent

Licht in dunkler Nacht

Für Trauemde kann die fröhliche Grundstimmung der Advents- und Weihnachtszeit unerträglich sein. Ein neuer Gedenktag versucht Hinterbliebenen Halt zu geben.

Es war genau richtig für mich, dass ich so kurzfristig, Ende November, von diesem neuen Totengedenktag erfuhr", ist Annemie Argauer überzeugt. Nach dem völlig unerwarteten Tod ihrer 37-jährigen Tochter Ursula im Juli 2000 muss sie in den folgenden Monaten zunächst die Tage durchstehen, die mit besonderer Trauer beschwert sind: im September den Geburtstag der Tochter, im Oktober ihren Namenstag und dann im November die allgemeinen Totengedenktage. Heute sagt sie von dieser Zeit: "Ich habe eigentlich wie in Trance gelebt, konnte nicht wirklich realisieren, was geschehen ist und habe mich in die Arbeit gestürzt." Arbeit hat Annemie Argauer als stellvertretende Landesvorsitzende des KDFB und als Vorsitzende der Sozial-caritativen Kommission immer genug. Durch die Beschäftigung versucht sie wieder Halt unter den Füßen zu bekommen, denn sie fühlt, dass sie nach dem plötzlichen Tod ihres Kindes wie im luftleeren Raum hängt und nicht mehr sie selbst ist. "Es hat sich ja das ganze Leben verändert, plötzlich ist das Familienband zerrissen, es fehlt einfach ein Glied." Sie spürt, dass sie nicht mehr zu der Gemeinschaft der so genannten normalen Familien gehört, in denen die Kinder nach ihren Eltern sterben.

Da kommt der Anruf mit dem Hinweis auf den neuen Gedenktag, immer am zweiten Sonntag im Dezember. Entstanden ist die Idee in den USA bei der Gruppe der "Compassionate Friends". Die setzt sich für verwaiste Eltern und Geschwister ein. Seit einigen Jahren geht von dort ein "Worldwide Candlelighting" aus, das von Gottesdiensten begleitet wird. Die Betroffenen stellen im Gedenken an ihre verstorbenen Kinder um 19 Uhr Kerzen ins Fenster, so dass vor dem inneren Auge ein Lichterband rund um die Welt entstehen kann. Von der Idee, bei dieser Art des Gedenkens mitzumachen, fühlt sich Annemie Argauer sofort sehr angesprochen. "Als ich davon hörte, da gibt es diesen Weltgedenktag, da bin ich wieder ein bisschen in die Realität zurückgekommen."

Natürlich werden sie und ihr Mann zuerst vom Schmerz überwältigt, als sie im Fenster die Kerze anzünden und auf dem Tisch vor einem Foto der Tochter deren Taufkerze. Sie weinen gemeinsam, können dann aber auch beten und sich erinnern. Beim Erinnern wird ihnen deutlich, wieviel Spuren ein Mensch hinterlässt. Als sie durch das Haus gehen, nehmen sie die vielen Meinen Geschenke der Tochter ganz bewusst wahr. Und die Gegenstände bekommen einen ganz anderen Stellenwert, denn sie sehen darin den Menschen, den sie verloren haben. "Wir haben das wirklich so empfunden, jetzt reihen wir uns ein in eine andere Gemeinschaft und mit der Kerze in das Lichterband der Betroffenen."

Auch heuer will Annemie Argauer diesen Gedenktag begehen, denn für sie stellt er noch einmal eine ganz besondere Verbindung zur Verstorbenen her. "Das war so mehr oder minder auch ihr Tag. Ein ganz neuer Tag im Laufe des Jahres. Denn man kann ja nicht mehr Namenstag und Geburtstag zusammen feiern."

Dass dieses neue Trauerritual in die Adventszeit gelegt ist, empfindet sie als sehr hilfreich. "Und ich muss sagen, dieser Tag bringt wirklich Licht in die dunkle Nacht der Trauer."

Anne Granda

Weitere Info, siehe Weltgedenktag

In Deutschland setzt sich der Verein "Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister" für den Gedenktag, jeweils am zweiten Sonntag im Dezember ein. Veröffentlichungen zum Worldwide Candle Lighting immer ab Oktober unter aktuelles.

 

 


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